Der Gefangene

Luigi Dallapiccola
09.10.1998 | Städtische Bühnen Bielefeld

MUSIKALISCHE LEITUNG: Geoffrey Mouli
REGIE: Gabriele Rech
BÜHNE + KOSTÜME: Sandra Meurer
DER GEFANGENE: William Oberholtzer
DIE MUTTER: Sharon Markovich
KERKERMEISTER: Lassi Partanen
ZWEI PRIESTER: George Zivziwadse / Yun-Geun Choi

Presse

Der Gefangene – WDR 3, Musikszene
Ein hartes, zynisches Stück, das Gabriele Rech und ihre Ausstatterin Sandra Meurer packend in Szene setzen … Eine hervorragende Inszenierung.

Stefan Keim

Der Gefangene – Online Musik Magazin
Starke Baritone, starke Inszenierung: Die Bielefelder Oper macht mit Zwölftonmusik spannendes Musiktheater.

Stefan Schmöe

Der Gefangene – WDR 5, Scala
Gemeinsam mit Henzes „Landarzt“ gibt „Der gefangene“ in Bielefeld ein spannendes Doppelpack ab. Der Inszenierung von Gabriele Rech gelingt gleichwohl ein kleiner Coup.

Raoul Mörchen

Der Gefangene – FAZ
Spiralen des Unheils – Rechs Inszenierung widersteht glücklich den Versuchungen, dem Werk eine dramatisch eindeutige Botschaft aufzuzwingen oder es bloß zu illustrieren … Beide hat man in Bielefeld schlagend umgesetzt: Die Handlung ist inszeniert wie eine Unendlichkeitsspirale von M.C. Escher.

Juli Spinola

Diskurs über die Freiheit Oktober 1998 – www.omm.de
Was ist Freiheit ? Was bedeutet Freiheit ? Zwei recht unterschiedliche Antworten gibt Regisseurin Gabriele Rech mit zwei Stücken, die fast zeitgleich entstanden sind (Der Gefangene 1948, Der Landarzt in der ursprünglichen Fassung ein Jahr später) und beide einen monologisierenden Bariton ins Zentrum stellen – und trotz vieler Parallelen doch denkbar unterschiedlich sind: Einerseits Henzes karge, ursprünglich für den Rundfunk konzipierte und jede Bühnenwirksamkeit vermeidende Vertonung einer (unpolitischen) Novelle Kafkas (ursprünglich wurde der Text nur gesprochen, erst in der hier gespielten Fassung von 1964 darf der Landarzt singen), andererseits die klangprächtige, trotz Zwölftönigkeit die italienische Operntradition nicht verleugnende hochpolitische Anklage Dallapiccolas.

Inhalt von Der Landarzt: In Form einer Ich-Erzählung (die Henze wortwörtlich! vertont) berichtet ein Landarzt eine alptraumhafte Sequenz: Zu einem Kranken gerufen findet er keine Pferde, bis plötzlich im Schweinestall ein Knecht mit einem prächtigen Gespann auftaucht, als „Lohn“ aber das Dienstmädchen vergewaltigt, ohne dass der Arzt eingreifen kann. Als er den kranken Jungen erreicht, erscheint dieser zunächst gesund (dabei aber todeswillig), im nächsten Moment tut sich eine klaffende Wunde „rosa“ auf („Rosa“ heißt auch das Dienstmädchen). Von der Bevölkerung entkleidet flieht der Arzt, erkennt aber, dass die nun lahmenden Pferde ihn niemals zurück bringen werden.

In einer Werkeinführung vor Beginn der Vorstellung ist zu hören, dass die Novelle mit Freud`scher Sexualsymbolik gedeutet werden kann: Triebe (der Knecht) im Widerstreit mit dem Verstand (der Arzt). Gabriele Rech hat gut daran getan, diese Interpretation auf der Bühne nur vorsichtig anzudeuten und dem Stück seine geheimnisvolle Aura zu belassen. Mit spärlichen Mitteln vor einem schwarzen Vorhang verfängt sich der Landarzt, äußerst beeindruckend gesungen und gespielt von Johannes M. Kösters, in einer nicht fassbaren Sphäre, in der die anderen Figuren beinahe leblos, nur Schablonen sind. Fehlende Freiheit als Seelenzustand: Zuletzt legt sich ein schwarzer Schatten wie ein Gitter über den Arzt, Gefangener seiner selbst.

Sind es bei Henze die inneren Zwänge, die die Freiheit beschneiden, so wendet sich Dallapiccola gegen die äußere Tyrannei: Versuch einer künstlerischen Verarbeitung des Faschismus. Als Gefangener versucht jetzt William Oberholtzer (noch ein exzellenter Bariton, den das Theater Bielefeld an diesem Abend aufbietet), der spanischen Inquisition mit Folter und Kerker zu entgehen.

Inhalt Der Gefangene: Ein Gefangener der spanischen Inquisition schöpft Hoffnung, als der Kerkermeister ihn mit „Bruder“ anredet und vom Aufstand in Flandern berichtet, ja sogar die Zellentür offen lässt. Er flieht, doch in einem Garten angekommen empfängt ihn der Kerkermeister, nun in Gestalt des Inquisitors, erneut mit dem Wort „Bruder“, um ihn zur Hinrichtung zu führen.

Auf jegliches historisches Ambiente hat Frau Rech verzichtet. Vielmehr fragt sie, was Freiheit in unserer Unterhaltungskultur bedeutet: Der Kerkermeister im glänzenden Sakko ist so etwas wie ein Showmaster, der den Gefangenen auf eine Art Reise schickt – an deren Ende er sich just an der Stelle befindet, an der er aufgebrochen war. Das zynische Element des Stoffes ist geschickt umgesetzt, und auch hier überzeugt der unaufdringliche Ansatz, der das Stück nicht zu eindeutig festlegen will.

Durch die sehr konzentrierten Bühnenbilder (Sandra Meurer) und die konsequent auf die Hauptperson ausgerichtete Regie gelingt es sehr gut, die beiden Werke zu verbinden. Geoffrey Moull am Pult des gut aufgelegten Philharmonischen Orchesters versteht es zudem, beiden Werken ihren spezifischen Klang abzugewinnen. Das (leider nicht sehr zahlreich erschienene) Premierenpublikum zollte der sehens- wie hörenswerten Produktion viel Beifall.

FAZIT
Starke Baritone, starke Inszenierung: Die Bielefelder Oper macht mit Zwölftonmusik spannendes Musiktheater.

Stefan Schmöe