GABRIELE RECH
REGISSEURIN
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Die tote Stadt

Korngold

Staatstheater Nürnberg

Premiere: 30.05.2009

Paul: Norbert Schmittberg
Marietta/Marie: Mardi Byers
Frank/Fritz: Jochen Kupfer
M.L.: Philipp Pointner
R.: Gabriele Rech
B.: Stefanie Pasterkamp
K.: Gabriele Heimann

Die tote Stadt 31.05.2009 - Bayrischer Rundfunk B5 aktuell

[...] In der Tat konnte das Nürnberger Opernpublikum gestern Abend gut nachvollziehen, wie das ist, wenn man sich von einem geliebten Verstorbenen nicht trennen kann. Es ist das große Thema von Erich Wolfgang Korngolds Oper „Die tote Stadt“ aus dem Jahr 1920, und es wurde in Nürnberg von Regisseurin Gabriele Rech hervorragend in Szene gesetzt. Das Publikum war hingerissen und bejubelte das Regieteam, was in der Oper bekanntlich die ganz große Ausnahme ist. Gabriele Rech gelang eine intensive, bildstarke und bezwingende Inszenierung. [...]

Die sängerische Leistung von Norbert Schmittberg als Paul und Mardi Byers in der Doppelrolle der verstorbenen und lebenden Frau ist atemberaubend. Beide müssen fast ununterbrochen im Forte singen, müssen immer neue Gefühlsausbrüche stemmen – und beiden gelingt es eindrucksvoll, auch wenn durch die Daueranstrengung die Stimme manchmal brüchig wird oder nicht ganz über den üppigen Orchesterklang hinaus kommt. Gerade das erhöht die Intensität, macht die Rollen glaubwürdig. Dirigent Philipp Pointner treibt die Nürnberger Philharmoniker zu mächtigen Klangeruptionen an, scheut weder Lautstärke, noch drastische Effekte. Hier wird deutlich, wie sehr der Weg des damals 23-jährigen Erich Wolfgang Korngold zum Filmkomponisten in Hollywood vorgezeichnet schien. Korngold versteht sich auf Emotionen, steht ganz in der Tradition von Puccini und Richard Strauss. Dass man sich bitte nicht übermäßig in seine Trauer vergraben soll, diese Mahnung kam offenbar gut an: Ältere Ehepaare im Publikum diskutierten mit liebenswerter Betroffenheit die Konsequenzen, die man aus dieser Oper ziehen sollte. Ein spektakulärer Abend mit einer selten gespielten, aber überaus lohnenden Oper.

Peter Jungblut

Die tote Stadt 31.05.2009 - klassik.com

[...] Nürnbergs Philharmoniker gingen unter Philipp Pointner pfleglich mit den süffigen Reizen der Partitur um, mit dieser rauschhaft exzessiven, morbiden Klanglichkeit. Vieles klang weich, wollüstig, illustrativ, tönte stellenweise nach angezapftem Richard Strauss oder Franz Léhar. Über zweieinhalb Stunden ließ der aufmerksam lotende Dirigent den gewaltigen Apparat des überdimensionierten Orchesters aufrauschen. [...]

Für die Regisseurin Gabriele Rech leidet Paul, die auf fetischistische Weise um seine verstorbene Frau trauernde Figur, unter einer Störung seiner Persönlichkeit. Es ist ein psychischer Defekt, eine Art von Schizophrenie, die sich in traumhaften Erscheinungen äußert. Ein Plus dieser Inszenierung ist die schlüssige Führung der Personen. [...]

Die sängerische Messlatte liegt bei Korngold bekanntermaßen in olympischen Höhen. Immerhin wurden diese exponierten Partien Klassesängern (wie Richard Tauber) in die Kehle komponiert. Mit emotionalem Hochdruck gestalten die Protagonisten. Mit angestrengt gesetzten Spitzentönen, metallischem Timbre, oft mit überzogener Lautstärke, weniger mit tenoraler Wärme, wurde Norbert Schmittberg dank beachtlicher Durchhaltekraft der vertrackten Tessitura der Figur des Paul einigermaßen gerecht. Erstaunliche Qualität bewies allerdings mit aufblühend vibrierendem Sopran in der „Jeritza“- Partie der Doppelfigur Marietta/Marie die fabelhafte Mardi Byers. Jochen Kupfer, in Personalunion maskuliner Frank und Pierrot Fritz (expressiv 'Mein Sehnen, mein Wähnen'), sowie Teresa Erbe in der kleineren Rolle der treuen Haushälterin Brigitta prägten nachhaltig diese bemerkenswerte Produktion. Sorgfältig hat Edgar Hykel den Chor des Staatstheaters einstudiert. Auch der Jugendchor des Lehrergesangsvereins (Einstudierung Barbara Labbude) hinterließ einen trefflichen Eindruck.

Egon Bezold

 

Das Dia der Toten 01.06.2009 - Neue Musikzeitung online

(nmz) - Keine andere Oper, die im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts wiederbelebt wurde, hat eine derartig nachhaltige Bühnenrenaissance erfahren wie Erich Wolfgang Korngolds „Die tote Stadt“, der Geniestreich des Wunderkindes aus dem Jahre 1920. Nach einer Reihe mittelgroßer Häuser, nach den Salzburger Festspielen und der Wiener Staatsoper, brachte nun auch das Staatstheater Nürnberg – in Kooperation mit dem Stadttheater Bern – diese Oper heraus. Die Geschichte der vermeintlichen Wiederkehr einer Toten war stets ein gefundenes Fressen für phantasievolle Regisseure; Götz Friedrich hat sie tiefenpsychologisch entschlüsselt, Günther Krämer als eine Paraphrase auf Hitchcocks „Vertigo“ und Willy Decker als ein Psychogramm der Bedrohung interpretiert.

01.06.2009 - Von Peter P. Pachl

Im Nürnberger Bühnenraum von Stefanie Pasterkamp ist der Fin-de-Siècle-Handlung alles in den ersten Sätzen angesprochene „Gespenstische“ ausgetrieben: ein allzu einfacher, weißer Raum mit dreistöckigem Museumswagen zeigt später seine – durch sichtbares Rangieren – erreichte dunkle Kehrseite, in der ein Tisch und ein Designersofa auf Rollen das Bindeglied zur Realhandlung schaffen.

In der Jetztzeit sind die handelnden Personen zunächst hilflos verloren, auch in der Kunstwelt des nächtlichen Brügge mit der – angesichts heutiger Theatertradition – ins Leere laufenden Handlungsparaphrase auf Meyerbeers „Robert le Diable“ (so allerdings auch im parallel verlaufenden zweiten Aufzug des „Parsifal“).

Regisseurin Gabriele Rech hat den ersten und zweiten Akt (etwa durch Auslassung von Brigittas Entschluss, Ursulinerin zu werden und die Abrechnung mit ihrem Herrn) zu einem Aufzug verkürzt, aber erst der dritte Akt gewinnt beginnt bei ihr an Stringenz und Eigendynamik. Zum Pausenschluss reicht Marietta Paul die blanke Brust, um daraus das Vergessen trinken zu lassen. Nach verbrachter Liebesnacht missbraucht Paul Marietta, die sich nun im Pyjama in seinem Haus eingenistet hat, zu den Gesängen der Karwochen-Knabenchöre rektal. Sie provoziert ihn, indem die Dias von seiner verstorbenen Frau zerstört und dann mit der Haarlocke der Toten onaniert.

Jenseits ihrer Obsessionen ist die Personenführung wenig schlüssig. Mitleiden schafft der zunächst in ständigem Dauerforte überanstrengte, detonierende und so die extreme Lage schuldig bleibende Tenor Norbert Schmittberg als Paul. Wackerer in den bisweilen ebenfalls extremen Lagen der Doppelrolle von Tänzerin Marietta und toter Marie (über Lautsprecher) schlägt sich die amerikanische Sopranistin Mardi Byers; allerdings bleibt sie der Rolle der Tänzerin einiges an Bewegungsabläufen schuldig. Striche ermöglichen es, die Rollen von Pauls Freund Frank und Fritz (dem Pierrot der Schauspielertruppe mit seinem berühmten Lied „Mein Sehnen, mein Wähnen“) auf einen Bariton zusammen zu ziehen: Jochen Kupfer erhält dafür besonders heftigen Applaus.

Die überzeugendste Leistung des Abends bieten jedoch die Nürnberger Philharmoniker, die alle orchestertechnischen Schwierigkeiten mit Bravour meistern und dann – nach Bayreuther Muster – auch zum Schlussapplaus auf der Bühne erscheinen. Dirigent Philipp Pointner badet breit im Celesta gesättigten Wohlklang spätromantischer Klangfarben. Er deckt die Stimmen nicht zu, gewinnt aber den Kampf mit jenem Teil des Publikums, das noch vor dem Schluss zu Klatschen beginnt durch extremes Aushalten der Schlussakkorde. Im Gegensatz zu den Lesarten der Regisseure Götz Friedrich und Iga Levant überwindet Paul in Nürnberg seine Psychose ohne Suizid und verlässt die tote Stadt, – allerdings unter Mitnahme eines letzten Dias der Toten.

www.nmz.de
 

 

Die tote Stadt 02.06.2009 - Nürnberger Zeitung

Für Nürnberg ist es eine lohnende Wiederentdeckung: 86 Jahre nach der Erstaufführung im Opernhaus bewies am Samstag die Premiere von Erich Wolfgang Korngolds «Die tote Stadt«, dass in diesem Erfolgswerk der 20er Jahre noch sehr viel Leben und künstlerische Potenz stecken.

Dabei schlägt die Inszenierung von Gabriele Rech einen geschickten Bogen von der Entstehungszeit zur Gegenwart. Sie entwirft Paul, die Hauptfigur, als einen «Mann ohne Eigenschaften« im Sinne Robert Musils. So glatt und unauffällig er nach außen hin agiert, könnte er aber auch einer jener geräuschlosen Funktionsträger unserer globalisierten Arbeitswelt sein: [...]

Regisseurin Rech erzeugt einen Sog, der psychologisch stimmig wirkt. Die symbolistische Bedeutung der toten Stadt drängt sie zurück: Die flämische Katholiken-Hochburg Brügge erscheint nur noch als nachtschwarze Abstraktion einer Brücke über einer Gracht. Den Einfluss der Pauls Gewissen bedrängenden Religiosität treibt Rech jedoch geschickt auf die Spitze: [...]

Handlungshemmung und Gefühlsblockade im Alltag, während Leidenschaft und Triebabfuhr sich in Phantasmagorien Bahn brechen – das Menschenbild, das Rech entwirft, ist keineswegs von gestern. Und es fügt sich trefflich zur sprechenden Musik Korngolds. Die verleugnet zwar nicht Vorbilder wie Richard Wagner, die frühen Strauss-Opern und eine starke Prise Operetten-Goldstaub – doch der damals 22-jährige Komponist hat daraus mit sicherer eigener Hand ein musikalisches Psychogramm geschaffen, das die Philharmoniker unter Philipp Pointner mit beherztem Zugriff zum Klingen bringen. [...]

Darin konnte Mardi Byers in der Doppelrolle der Marietta/Marie das lyrische Potenzial ihres Soprans voll ausschöpfen. Als herausfordernde, sich ihrer erotischen Reize bewusste Frau war sie mit ihrer Bühnenpräsenz der ideale Gegenpart zur apathisch-gehemmt konzipierten Figur des Paul. Vor allem aber meisterte sie die Höhen und dynamischen Spitzen dieser hochdramatischen Partie in bewundernswerter Weise. [...]

Das Publikum zeigte sich durchweg begeistert und belohnte alle Mitwirkenden mit viel Applaus. In der noch kurzen Nürnberger Intendanz von Peter Theiler ist «Die tote Stadt« die bislang überzeugendste Opernproduktion. Hoffentlich lockt dieses funkelnde Juwel möglichst viele Besucher ins Opernhaus.

Thomas Heinold

Die tote Stadt 03.06.2009 - Fränkischer Tag

[...] Die imponierend umgesetzte Neuproduktion ist ein Muss für alle Opernfreunde. [...]

Die zwei Hauptpartien der „Toten Stadt“ sind mit das Schwierigste der Opernliteratur überhaupt: Tenöre, die wie der legendäre Richard Tauber dem Paul ohne Abstriche gewachsen waren bzw. sind, gehören fast schon in die Kategorie sängerischer Fabelwesen. Und auch die Doppelrolle Marietta/Marie verlangt weit mehr, als eine Sopranistin normalerweise an einem Abend draufhaben muss. Das sollte man wissen, um einzuordnen, was die Nürnberger Solisten zu leisten im Stande sind. Einmal mehr rückt aus dem Ensemble Jochen Kupfer als Frank/Fritz sich ins beste Licht: ein Sängerdarsteller par excellence, der mit seinen wunderbar strömenden Bariton die Serenade des Harlekins zu einem Höhepunkt des Abends führt.

Gast-Tenor Norbert Schmittberg war und ist nicht umsonst ein gefragter Paul an mittleren und großen Bühnen. Er hat die mörderische Partie inzwischen so gut verinnerlicht, dass er die gegebenen stimmlichen Grenzen notfalls geschickt zu überspielen weiß. Auch wenn bei der Premiere manche Töne wehtaten, ist Schmittberg als Paul ein Ereignis für sich, eine tenorale Mutprobe, bei der man respektvoll mitfiebert. [...]

Gabriele Rech hat den gespenstischen Tagtraum des um seine Frau Marie trauernden Paul genau so inszeniert, wie er im Libretto steht: ohne interpretatorischen Ehrgeiz, dafür mit viel Genauigkeit und Gespür für die verdrängten Wünsche und sexuellen Obsessionen des Witwers Paul, der nach dem geträumten Mord an der seiner Frau verblüffend ähnelnden Tänzerin Marietta schließlich ins Leben zurückfindet. Die Bühne von Stefanie Pasterkamp und die Kostüme von Gabriele Heimann versetzen das Geschehen in eine zeitnahe, aber noch nicht komplett digitalisierte Gesellschaft: Per Diaprojektor frischt Paul vor seinem chic gestylten Marie-Museum die Erinnerungen an sein verlorenes Liebesglück auf. Wie intensiv und folgerichtig die Personen geführt sind, zeigt sich gerade an den Bruchstellen. Man muss die Handlungsparaphrase auf Meyerbeers „Robert le Diable“ im 2. Bild nicht kennen, um den Sinn der anzüglichen Szene zu verstehen.

Die Musik tut das Ihrige. Philipp Pointner und die bravourösen Nürnberger Philharmoniker machen hörbar, dass vieles in diesem spätromantischen Opernthriller zwar an Wagner, Puccini und Strauss erinnert, dass Korngold aber souverän, raffiniert und modern einen ganz eigenständigen, von kühnen harmonischen Schnitten gekreuzten Klangfarbenzauber und -rausch entfesselt.

Monika Beer

Die tote Stadt 03.06.2009 - Highlights-Magazin

[...] Das Staatstheater Nürnberg präsentiert Korngolds Meisterwerk nun in einer aufreibenden Neuinszenierung. Bei der Premiere am 30. Mai schickte Regisseurin Gabriele Rech die Besucher auf eine intensive Gefühlsachterbahn.

Es ist ein Spiel der Extreme, das auf der dreiteilig beweglichen Bühne (Stefanie Pasterkamp) seine ideale Entsprechung findet. Zuerst steril weiß, dann ganz in schwarz gehalten, transportiert die Kulisse die düstere Atmosphäre und hilft, die Verflechtung der Fantasie transparent zu machen. Denn die Handlung wechselt zwischen Traum und Wirklichkeit, springt zwischen Wahn, Sehnsucht und Verlangen. Die Zuschauer waren begeistert: Lang anhaltender, buhfreier Applaus honorierte die beeindruckende Leistung von Sängern, Regieteam und Orchester. [...] Den größten Applaus an diesem Abend erhielten die Nürnberger Philharmoniker unter Phillip Pointer. Zu Recht: Klangfarben und Dramatik der berauschenden Musik voller harmonischer Tonalität zelebrierten sie intensiv und sorgten so für Gänsehaut bei den Besuchern. [...]

Diese Oper ist ein schaurig schönes Seelen-Drama mit Gänsehautgarantie. Allen, die Korngolds „Die tote Stadt“ noch nicht kennen, bietet die Nürnberger Inszenierung, ideale Gelegenheit, die Oper zu entdecken. Spannungsreich, kraftvoll und intensiv beweisen Orchester, Ensemble und Regieteam, dass modernes Musiktheater aktuelle Themen auch ohne viel Blut und nackte Haut eindrucksvoll umsetzen kann.

Daniel Keienburg

 

Die tote Stadt 02.07.2009 - Abendzeitung Nürnberg

Der Witwer, der sich in der panisch verklärten Erinnerung an seine Frau vergraben hat und ein neues erotisches Verhältnis nur in der Spiegelung dieser unsterblichen Reizfigur finden kann, steht wie ein Repräsentant von Erich Wolfgang Korngolds hingefetztem Opern-Geniestreich „Die tote Stadt“ auf der Nürnberger Bühne. So wie seine Stimme ist das ganze Werk sofort am äußersten Anschlag der Empfindung, hat von allem immer etwas zu viel und wirkt dadurch permanent überanstrengt. Dennoch ist dieser bebende Psycho-Thriller, der nach Regulierung geradezu schreit, auch in der gegensteuernd realistischen, stark vereinfachenden Inszenierung von Gabriele Rech ein eindrucksvolles Ereignis. Wenig Widerspruch, viel Jubel.

[...] Mardi Byers in beiden Rollen [Marietta und Marie] von überwältigender musikalischer Intensität, im Spiel als beinfreie Sünde mit Texten wie „Lust quillt in mir“ eher verloren [...].

Der gastierende Norbert Schmittberg hat den ruhelos wie ein Buchhalter im emotionalen Notstand durchs Rest-Leben irrenden Paul, eine Tenor-Partie von Götterdämmerungs-Gewicht, zur persönlichen Spezialaufgabe erklärt. Wie schwer das zu singen ist, merkt man fortwährend, wenn die strapazierte Stimme das Schwingen verweigert oder sich unter mörderischen Höhen duckt. Imposant wirkt es trotzdem. Ausgezeichnet als Hausfreund und Nebenbuhler in deklamierender Schärfe ist Jochen Kupfer, und auch Teresa Erbe hat als mezzokantige Haushälterin starke vokale Momente. [...]

Verdienter Beifall für eine ambitionierte Aufführung, die interessanteste der laufenden Nürnberger Saison.

Dieter Stoll

 

Inszenierungen Überblick

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